Der Abend
Joseph von Eichendorff
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
wunderbar mit allen Bäumen,
was dem Herzen kaum bewußt,
alte Zeiten, linde Trauer,
und es schweifen leise Schauer
wetterleuchtend durch die Brust.
Vor der Textbeschreibung - Betrachtung und Analyse
Satzbau:
Ein einziger Satz über sieben Verse- zwar mehrere Enjambements, aber
den Verseinheiten können Sinneinheiten zugeordnet werden, deshalb Eindruck
von Ruhe und Einfachheit. Syntaktischer Zusammenhang ist wegen der Auslassungen
(Ellipsen) nicht eindeutig.
Wortwahl:
Schlichter Wortschatz, Verbindung von Ausdrücken der Natur mit dem menschlichen
Seelenleben, Wörter zusätzlich nach ihrem Klang gewählt (au,
eu, äu- Assonanzen). Ein sehr starkes Bildes entsteht - Personifikation
(Allegorie) der Erde ("rauscht die Erde wie in Träumen")
Erschließungsproben:
Satzbau entschlüsseln. Wenn der Mensch,........ dann rauscht die Erde (möglicherweise wie in ..alten Zeiten)?
Ton und Sprechweise:
Ruhiger Ton, stille , fast mystische Ergriffenheit, bewirkt durch die Vermischung
von Natur- und Seelenstimmung, durch das gleichmäßige Versmaß
sowie durch die symmetrische Reimabfolge.
Daraus ergibt sich folgende Textbeschreibung:
Der Satzbau verlangt nach Klärung. Nicht die Bäume rauschen, sondern
die Erde, die Erde, die personifiziert wird rauscht mit ihnen- "wie in Träumen".
Wessen Träume? Träumt die Erde selbst, ein bei Eichendorff häufiges
Bild, oder rauscht sie in den Träumen des Sprechenden? In Vers 3 scheint
ein neuer Satz zu beginnen, aber einerseits wird der Satz durch: was..,(wie)
alte Zeiten...unterbrochen, andererseits durch "und"... wieder aufgenommen.
Mann könnte auch lesen: Wenn der Menschen laute Lust sich beruhigt hat,
dann rauscht die Erde gemeinsam mit den Bäumen - Unterbrechung, was
dem Menschen tief in seinem Inneren nicht bewusst ist und Erinnerungen an
alte Zeiten hervorruft, die er betrauert- Ende der Unterbrechung
- und Wiederaufnahme des Gedanken- nach dem Rauschen schweifen
leise Schauer..... Der Autor möcht am Schluss offensichtlich offen lassen,
ob es um die Natur geht oder die Erinnerungen und Empfindungen der Menschen.
Deutungsansatz:
Im Gedicht "Abend" von Joseph von Eichendorff wird ein zunehmende Verschmelzung von Natur und lyrischem Ich sichtbar gemacht.
Der Abend bringt ein Zur- Ruhe - Kommen von Mensch und Natur. Das erste Bild
(das Rauschen der Erde) lässt durch Personifaktion offen,
ob es die Erde ist, die die eingetretene Stille zum träumen nutzt oder
das Rauschen der Bäume sich mit den Träumen des Sprechenden vermischt.
Drer Satzeinschub in den Versen vier bis fünf lässt in Schwebe, ob
die Erde sich selbst erinnert oder ob in den durch das Rauschen ausgelösten
Träumen Erinnerungen des Sprechenden , auch schmerzlicher Art (linde
Trauer) aufsteigen. Die Metapher des beginnenden oder vorbeiziehenden Gewitters,
das schon durch das Rauschen der Bäume im zweiten Vers angedeutet wurde, nimmt
die Stimmung des Sprechenden hinein, lässt aber offen, ob es sich um
die wirkliche Vorahnung eines Unwetters in der äußern Natur oder
um ein "Seelengewitter" handelt.
So bringt die Verschmelzung von äußerer und innerer Natur, die
durch Satzgehalt und Bildlichkeit hervorgerufen wird, nicht nur Ruhe und
Harmonie (Metrum, Reime, Assonanzen), sondern einen doppelten Sinn und Beunruhigung
mit sich (leise Schauer).Es bleibt offen, ob die Beunruhigung in den
Erinnerungen oder den ausgelösten Erfahrungen selbst ein Stück
Natur zu sein, die vergänglich ist, liegt.
Vergleich von Gryphius und Eichendorff
In beiden Gedichten ist die Ruhe des Abends nicht nur Anlass, selbst zur
Ruhe zu kommen, sondern auch und zugleich Grund für Beunruhigung.
Bei Gryphius wird dies deutlicher: Das lyrische Ich wendet sich ab von der
Ansicht der Welt und im Gebet Gott zu. Der eine Abend hier und jetzt in der
Welt erinnert an den letzten Abend des Lebens( "und wenn der letzte Tag will
mit mir Abend machen"), an dem es der Erlösung durch Gott bedarf.
Bei Eichendorff gibt es keine höher, göttliche Ebene im Sinne
von Gryphius mehr. Der Sprecher zeigt keine Distanz zur Natur, sondern
sucht Einklang und Verschmelzung mit der Erde. Aber darin findet er nicht
nur Erlösung, sondern auch Beunruhigendes.
Dabei bleibt offen, ob dies durch das Gefühl selbst ein Stück Natur
zu sein erregt wird oder durch die Erinnerungen, die sich mit dem Wetterleuchten
der Natur ankündigen...