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Für die Entwicklung der deutschen Literatur hatte das Wirken des Ostpreußen Johann Christoph Gottsched große Bedeutung. Gottsched war Professor in Leipzig und setzte sich für eine Reform der Sprache, der Dichtkunst und besonders des Theaters ein.
Wie alle Philosophen seiner Zeit war auch Gottsched der Auffassung, dass unsere Welt die beste aller möglichen Welten sei. Die Dichtung hatte für ihn die Aufgabe, die Vollkommenheit und vernünftige Ordnung der Welt widerzuspiegeln. Wie in diesem Modul schon erwähnt, sollte sie belehren und erzieherisch wirken. Sie sollte nicht über die Beschreibung der wahrnehmbaren Natur hinausgehen. Darum verbannte Gottsched alles Übernatürliche und Wunderbare aus der Dichtung und zugleich damit jedes leidenschaftliche Gefühl, weil Leidenschaftlichkeit den zweckmäßigen Gebrauch der Vernunft ausschließe.
Gottsched wollte die Schauspieler ausbilden und disziplinieren, ihnen das Textlernen, ordentliches Sprechen und Gehen und das Proben beibringen. Die ihnen anhaftende Vorstellung des Unsozialen sollte durch bürgerliches Verhalten, Sittlichkeit und Anstand vertrieben werden. Auch das Publikum wollte erzogen sein: Es sollte sich im Theater nicht unterhalten, plaudern oder randalieren, sondern sich belehren lassen und den moralischen Kern der Handlung erkennen, sich bessern.
In seinem Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730) verweist Gottsched auf die vorbildlichen französischen Klassiker Pierre Corneille und Jean Baptiste Racine, die seiner Meinung nach die wahren Erben der Antike waren: Sie beachteten im Drama genau die von Aristoteles bezeichneten drei Einheiten des Ortes, der Zeit und der Handlung. Das dramatische Geschehen muss auf einem Schauplatz, an einem Tage spielen und darf nur eine Handlung haben, die in sich geschlossen und logisch aufgebaut sein muss. Das Stück, das gespielt wird, sollte wahrscheinlich sein, das heißt logisch aufgebaut und nachvollziehbar. Shakespeares Dramatik war Gottsched wegen ihrer Unregelmäßigkeit und Wildheit und wegen der Vermischung von Tragischem und Komischem ein Gräuel.
Harte Kritik erntete Gottsched später nicht nur mit den in der Hochaufklärung als einengend empfundenen drei Einheiten des Dramas, sondern auch wegen seiner so genannten Ständeklausel. Diese besagte, dass in Tragödien, Staatsromanen und Heldengedichten nur Adelige als Handelnde auftreten dürfen; in Komödien und Romanen hingegen sind Bürger und Bauern die Akteure. Grund dafür war, dass nur Personen des höchsten Stands die nötige „Fallhöhe“ aufweisen und dadurch das Interesse des Publikums wecken können.
a Warum wird Gottscheds Ständeklausel von den nachfolgenden Dichtern der Hochaufklärung wohl so heftig kritisiert?
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Gotthold Ephraim Lessing, ein Vertreter der Hochaufklärung, ist der schärfste Kritiker Gottscheds. Dessen Leistungen für die deutsche Literatur würdigt er überhaupt nicht; er distanziert sich von den Theorien Gottscheds und dessen französischen Vorbildern. Sein Vorbild ist Shakespeare.
Lessing wollte unter anderem keine moralische Belehrung wie Gottsched, sondern meinte, dass die Literatur Werte wie Mitleid und Menschlichkeit vermitteln solle. Die aristotelische Bestimmung der Tragödie zur „Katharsis“ (Reinigung der Seele durch Erregung von Furcht und Mitleid) wandelte Lessing ab: Das Trauerspiel sollte Gefühle wecken, die die Menschen sittlich läutern:
Wie unendlich besser und sicherer sind die
Wirkungen meines Mitleidens! Das Trauerspiel soll das Mitleiden nur überhaupt
üben, und nicht uns in diesem oder jenem Falle zum Mitleiden bestimmen. Gesetzt
auch, dass mich der Dichter gegen einen unwürdigen Gegenstand mitleidig macht,
nämlich vermittelst falscher Vollkommenheiten, durch die er meine Einsicht
verführt, um mein Herz zu gewinnen. Daran ist nichts gelegen, wenn nur mein
Mitleiden rege wird, und sich gleichsam gewöhnt, immer leichter und leichter
rege zu werden.
(Lessing an Moses Mendelssohn, Brief vom
18. Dezember 1756)
a Definieren Sie anhand dieses Textausschnitts, worum es Lessing geht!
Aus diesem Grund war er auch gegen die Gottsched’sche Ständeklausel:
Die Namen von Fürsten und Helden können einem
Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das
Unglück derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß
natürlicherweise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen
Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit
Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie
darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt
werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand, und ein Staat ist
ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen.
(Hamburgische Dramaturgie,
14. Stück)
Die Menschen sollten sich mit den Helden identifizieren und sie dadurch nachahmen – eine zukunftsweisende Theorie, deren Gültigkeit bis heute aufrecht geblieben ist. Statt des perfekten, makellosen, idealisierten Helden forderte Lessing einen „gemischten Charakter“, mit dessen Vorzügen und Schwächen sich der Zuschauer besser identifizieren konnte.
Mit Lessings Schriften begann eine neue Periode der Literaturkritik. Besonders der Sturm und Drang orientierte sich an Lessing und verband seine Gedanken mit eigenen Ideen.
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Lessing stellte Gottscheds „Fallhöhe“ sein bürgerliches Theater entgegen: Er ließ die Tragik aus der allgemein menschlichen Konfliktsituation entstehen und spielte die Wahrheit in der Charakterzeichnung und die Erschütterung des Zuschauers gegen das höfische Repräsentationstheater aus. Seine Helden sollten sozusagen vom „gleichen Schrot und Korn“ sein wie die Zuschauer.
Nach
Lessing vermochte das englische Theater der deutschen Dramatik viel stärkere
Impulse als das französische zu geben, und so knüpfte das deutschsprachige
bürgerliche Drama wie so vieles in der Aufklärung an ausländische Vorbilder an,
etwa an The London Merchant des
Londoner Juweliers George Lillo.
Wenn man die Meisterstücke des Shakespeare, mit
einigen bescheidenen Veränderungen, unsern Deutschen übersetzt hätte, ich weiß
gewiß, es würde von bessern Folgen gewesen sein, als daß man sie mit dem
Corneille und Racine so bekannt gemacht hat. Erstlich würde das Volk an jenem
weit mehr Geschmack gefunden haben, als es an diesen nicht finden kann; und zweitens
würde jener ganz andere Köpfe unter uns erweckt haben, als man von diesen zu
rühmen weiß. Denn ein Genie kann nur von einem Genie entzündet werden; und am
leichtesten von so einem, das alles bloß der Natur zu danken zu haben scheinet,
und durch die mühsamen Vollkommenheiten der Kunst nicht abschrecket.
Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden, ist Shakespeare ein
weit größerer tragischer Dichter als Corneille; obgleich dieser die Alten sehr
wohl, und jener fast gar nicht gekannt hat. Corneille kömmt ihnen in der
mechanischen Einrichtung, und Shakespeare in dem Wesentlichen näher. Der
Engländer erreicht den Zweck der Tragödie fast immer, so sonderbare und ihm
eigene Wege er auch wählet; und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich
die gebahnten Wege der Alten betritt.
(Lessing: Briefe, die neueste Literatur betreffend)
a Wie fällt Lessings Urteil beim Vergleich Shakespeare – französische Klassizisten aus?
Schauplatz von Lessings bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti ist das Italien des 18.
Jahrhunderts. Der Prinz ist seiner Geliebten, der Gräfin Orsina, überdrüssig
und hat sich im Emilia, die Tochter des Oberst Galotti, eines Bürgerlichen,
verliebt. Emilia jedoch steht kurz vor ihrer Heirat mit dem Grafen Appiani.
Indem dieser eine Bürgerliche heiraten will, tut er für einen Adeligen einen
bedeutsamen und außergewöhnlichen Schritt.
Marinelli, der verbrecherische Ratgeber des Prinzen,
will Emilia seinem Herrn „zuführen“, indem er Graf Appiani mit einem Auftrag
wegschickt. Da dieser aber Emilia zuvor heiraten will, plant Marielli, die
Hochzeitskutsche überfallen zu lassen. Emilia ist in der Kirche, während ihre
Eltern auf sie warten:
Odoardo.
Warum soll der Graf hier dienen, wenn er dort selbst befehlen kann? - Dazu
bedenkest du nicht, Claudia, daß durch unsere Tochter er es vollends mit dem
Prinzen verderbt. Der Prinz haßt mich -
Claudia.
Vielleicht weniger, als du besorgest.
Odoardo.
Besorgest! Ich besorg auch so was!
Claudia.
Denn hab ich dir schon gesagt, daß der Prinz unsere Tochter gesehen hat?
Odoardo.
Der Prinz? Und wo das?
Claudia.
In der letzten Vegghia, bei dem Kanzler Grimaldi, die er mit seiner Gegenwart
beehrte. Er bezeigte sich gegen sie so gnädig - -
Odoardo.
So gnädig?
Claudia.
Er unterhielt sich mit ihr so lange - -
Odoardo.
Unterhielt sich mit ihr?
Claudia.
Schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witze so bezaubert - -
Odoardo.
So bezaubert? -
Claudia.
Hat von ihrer Schönheit mit so vielen Lobeserhebungen gesprochen - -
Odoardo.
Lobeserhebungen? Und das alles erzählst du mir in einem Tone der Entzückung? O
Claudia! eitle, törichte Mutter!
Claudia.
Wieso?
Odoardo.
Nun gut, nun gut! Auch das ist so abgelaufen. - Ha! wenn ich mir einbilde - Das
gerade wäre der Ort, wo ich am tödlichsten zu verwunden bin! - Ein Wollüstling,
der bewundert, begehrt. - Claudia! Claudia! der bloße Gedanke setzt mich in
Wut. - Du hättest mir das sogleich sollen gemeldet haben. - Doch, ich möchte
dir heute nicht gern etwas Unangenehmes sagen. Und ich würde (indem sie ihn bei der Hand ergreift),
wenn ich länger bliebe. - Drum laß mich! laß mich! - Gott befohlen, Claudia! -
Kommt glücklich nach!
(Zweiter Aufzug, Vierter Auftritt)
Claudia.
Welch ein Mann! - Oh, der rauhen Tugend! - wenn anders sie diesen Namen
verdienet. - Alles scheint ihr verdächtig, alles strafbar! - Oder, wenn das die
Menschen kennen heißt: - wer sollte sich wünschen, sie zu kennen? - Wo bleibt
aber auch Emilia? - Er ist des Vaters Feind: folglich - folglich, wenn er ein
Auge für die Tochter hat, so ist es einzig, um ihn zu beschimpfen? –
(Zweiter Aufzug, Fünfter Auftritt)
a Wie werden Vater und Mutter charakterisiert?
a Halten Sie die Reaktion Odoardos für übertrieben?
Beim Überfall wird Graf Appiani getötet; Emilia
und ihre Mutter werden auf das Landschloss des Prinzen gebracht. Odoardo trifft
dort auf die Gräfin Orsina. Sie wurde vom Prinzen abgelehnt, durchschaut seine
Pläne und klärt Odoardo auf, warum seine Tochter entführt wurde. Sie gibt ihm
einen Dolch in der Hoffnung, er würde den Prinzen ermorden. Odoardo wird jedoch
von seiner Tochter Emilia gebeten, sie zu ermorden, da sie sich für verführbar
hält.
In der folgenden Textstelle spielt Emilia auf
den Fall des
römischen Plebejers Virginius an,
der seine Tochter Virginia durch ihre Tötung vor den Nachstellungen eines
Decemvirn (Mitglied des altrömischen Zehnmänner-Kollegiums) bewahrte, worauf
ein Volksaufstand ausbrach:
Odoardo.
Kind, es ist keine Haarnadel.
Emilia.
So werde die Haarnadel zum Dolche! - Gleichviel.
Odoardo.
Was? Dahin wäre es gekommen? Nicht doch; nicht doch! Besinne dich. - Auch du
hast nur ein Leben zu verlieren.
Emilia.
Und nur eine Unschuld!
Odoardo.
Die über alle Gewalt erhaben ist. -
Emilia.
Aber nicht über alle Verführung. - Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht
trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt. - Ich
habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch meine
Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut. Ich kenne das
Haus der Grimaldi. Es ist das Haus der Freude. Eine Stunde da, unter den Augen
meiner Mutter - und es erhob sich so mancher Tumult in meiner Seele, den die
strengsten Übungen der Religion kaum in Wochen besänftigen konnten! - Der
Religion! Und welcher Religion? - Nichts Schlimmers zu vermeiden, sprangen
Tausende in die Fluten und sind Heilige! - Geben Sie mir, mein Vater, geben Sie
mir diesen Dolch.
Odoardo.
Und wenn du ihn kenntest, diesen Dolch! -
Emilia.
Wenn ich ihn auch nicht kenne! - Ein unbekannter Freund ist auch ein Freund. -
Geben Sie mir ihn, mein Vater, geben Sie mir ihn.
Odoardo.
Wenn ich dir ihn nun gebe - da! (Gibt ihr
ihn.)
Emilia.
Und da! (Im Begriffe, sich damit zu
durchstoßen, reißt der Vater ihr ihn wieder aus der Hand.)
Odoardo.
Sieh, wie rasch! - Nein, das ist nicht für deine Hand.
Emilia.
Es ist wahr, mit einer Haarnadel soll ich - (Sie
fährt mit der Hand nach dem Haare, eine zu suchen, und bekommt die Rose zu
fassen.) Du noch hier? - Herunter mit dir! Du gebötest nicht in das Haar
einer - wie mein Vater will, daß ich werden soll!
Odoardo.
Oh, meine Tochter! -
Emilia.
Oh, mein Vater, wenn ich Sie erriete! - Doch nein, das wollen Sie auch nicht.
Warum zauderten Sie sonst? - (In einem
bittern Tone, während daß sie die Rose zerpflückt.) Ehedem wohl gab es
einen Vater, der seine Tochter von der Schande zu retten, ihr den ersten, den
besten Stahl in das Herz senkte - ihr zum zweiten Male das Leben gab. Aber alle
solche Taten sind von ehedem! Solcher Väter gibt es keinen mehr!
Odoardo.
Doch, meine Tochter, doch! (Indem er sie
durchsticht.) - Gott, was hab ich getan! (Sie will sinken, und er faßt sie in seine Arme.)
Emilia.
Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert. - Lassen Sie mich sie
küssen, diese väterliche Hand.
(Fünfter Aufzug, Siebenter Auftritt)
a Skizzieren Sie das Verhältnis von Vater und Tochter!
a Inwiefern zeigt das Stück deutlich die politischen Grenzen der bürgerlichen Position (Moral, Tugend) gegenüber dem Adel?
Den Prinzen ergreift starrer Schrecken, als er
diesen Ausgang wahrnehmen muss. Feige wälzt er alle Schuld auf die Schultern
Marinellis und tröstet sich mit der hohlen Phrase des Bedauerns, dass Fürsten
auch nur Menschen sind.
a Warum musste wohl mit Emilia das Opfer der Fürstenwillkür sterben und nicht der Fürst selbst? Was könnte Lessing damit bezweckt haben?
a Wie empfinden Sie das Ende des Dramas? Können Sie Odoardos Handlungsweise verstehen?
a Können Sie sich vorstellen, dass heute ein Vater seine Tochter tötet, um sie vor gesellschaftlicher Schande zu bewahren? Denken Sie dabei auch an andere Länder und Kulturen!
a Welche Stellung haben Tochter Emilia und ihrer Mutter? Wie sieht der Vater sie?
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© 2003, erstellt von Stephan Waba
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