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Das Minnelied
Walther von der
Vogelweide: Nemt, frouwe, disen kranz
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Die Phase von 1170 bis 1190 wird auch als die Zeit des „Hohen Minnesangs“ bezeichnet, die stark von den provenzialischen Troubadours und den nordfranzösischen Trouvères beeinflusst ist. Als wichtigste Vertreter des deutschen Minnesangs gelten Hartmann von Aue, Heinrich von Rugge oder Reinmar von Hagenau.
Ein großer Teil der mittelhochdeutschen Lyrik sind Minnelieder. Sie wurden von einem Minnesänger vor versammelter Gesellschaft gesungen. Der Sänger begleitete sich für gewöhnlich dabei selbst mit einer Geige oder einer Laute. In vorgeprägten Formen und Wendungen verherrlichte er eine höher gestellte Dame seiner Wahl, die häufig anwesend war. Minnelyrik spiegelt aber nicht die historische Realität wieder; die handelnden Personen werden vielmehr als Idealtypen dargestellt. Das singende Ich ist der Repräsentant der höfischen Gesellschaft, der modellhafte Erfahrungen und Normen vermittelt.
Minnelieder waren also keine geheimen Liebesbezeugungen mitten in der Nacht vor dem Balkon der Verehrten, sondern gesellschaftliche Konvention und ein Bestandteil des geselligen Hoflebens. Minnelyrik ist sozusagen Formkunst, die von einfachen Formen bis hin zu komplizierten Vers-, Strophen- und Reimtechniken reicht. Ihr Inhalt besteht aus dem Lob der Vollkommenheit und Schönheit der Dame sowie aus der Klage des Ritters, sich vor unerfüllter Liebe verzehren zu müssen. Wie sehr die höfische Idealisierung der Frau jedoch vor dem Hintergrund einer realen Frauenfeindlichkeit entstand, zeigt letztlich die theologische Einschätzung der Frau als dem Mann unterworfenes „animal imperfectum“ und ihre rechtliche Unterordnung unter die Gewalt des Mannes.
Über 80 Prozent aller deutschen Minnelieder sind in der Form der Stollenstrophe, einer romanischen Strophenform, verfasst. Sie besteht aus zwei metrisch und musikalisch gleich gebauten Stollen (Versgruppen), die den Aufgesang bilden und nach derselben Melodie gesungen werden, und einem anders gebauten (und gesungenen) dritten Teil, dem Abgesang:
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„Nemt, frouwe, disen kranz“, alsô sprach ich zeiner wol getânen maget. |
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1. Stollen |
Aufgesang |
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„sô zieret ir den tanz, mit den schœnen bluomen, als irs ûfe traget. |
} 2. Stollen |
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het ich vil edele gesteine, daz müest ûf iuwer houbet, ob ir mirs geloubet. sêt mîne triuwe, daz ichz meine.“ |
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Abgesang |
(aus: Walther von der Vogelweide; Nemt, frouwe, disen kranz)
Die Liebe des Minnesangs ist eine öffentliche Sache, eine Form des vorbildlichen Verhaltens, die bestimmten Normen und Regeln der höfischen Gesellschaftsmoral unterliegt. In der reinsten Ausformung des Minnesangs bleibt die Liebe immer unerfüllt. Der Dienstgedanke als fiktionaler Frauendienst, bei dem sich der Ritter seiner Dame unterordnet, steht im Vordergrund.
Die Frau, ein idealisiertes Vorbild an Schönheit und Tugend, keusch und asexuell, ist unerreichbar für den Sänger. Sie reagiert gleichgültig und ablehnend auf sein Werben. Trotz Leid und Enttäuschung harrt der Ritter aus, da das Weiterwerben um die unerreichbare Frau höfisches Ansehen bringt.
Nachwirkungen
des Minnesangs
Der Minnesang lebte bis ungefähr 1300 weiter, später entwickelte er sich zur Sangspruchdichtung (didaktische Texte), zum Volkslied und zum Meistersang. Um 1400 gibt es noch vereinzelt Minnesänger, wie zum Beispiel den Südtiroler Ritter Oswald von Wolkenstein, einen der bedeutendsten deutschen Lyriker des späten Mittelalters. Er verfasst Lieder in fast allen lyrischen Gattungen bis hin zu sehr sinnlichen Pastourellen (Schäferlied, in dem ein Ritter versucht, ein Landmädchen zu verführen).
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Walther
von der Vogelweide (ca. 1770 bis 1230), der wohl größte deutschsprachige
Lyriker des Mittelalters, ist ein Kritiker des oben beschriebenen
Dienstgedankens und der Überhöhung der Frau. Zwar beherrscht er die Grundzüge
des klassischen Minnesangs (Anbetung, Unerreichbarkeit der Geliebten, Trauer)
meisterhaft, aber seinen Liedern liegt ein anderes Frauenbild
zugrunde. Walthers Minneprinzip beruht auf Gegenseitigkeit. Die Frau
erscheint in seinen Gedichten als Person, nicht als unerreichbares Idealbild.
Walther entstammte wahrscheinlich einem Ministerialengeschlecht.
Seine Heimat ist nicht genau festzustellen; vermutlich lag sie im
österreichischen Donautal. Am Hof der Babenberger in Wien lernte er nach
eigener Aussage singen unde sagen.
Sein Lehrmeister in der Kunst des hohen Minnesangs war Reinmar von Hagenau, dessen
Lieder getreu der Norm in klagenden, schwermütigen Tönen das Leid unerwiderter
Minne besingen. Walther lehnte sich bald gegen diese Form des Minnesangs auf und stellte dem trûren (dem Traurigsein als Grundstimmung des Liebenden) die vröude der wechselseitigen, erfüllten herzeliebe entgegen. Mit diesen
Liebesliedern knüpfte er an die Lyrik der Vaganten und an Volkslieder an.
Das Lied Nemt, frouwe, disen kranz gehört zu den
schönsten Mädchenliedern Walthers. Die Mädchenlieder werden der so genannten „Niederen Minne“
zugeordnet und besingen ein unverheiratetes Mädchen. In den Mädchenliedern wird
zwar die körperliche Schönheit der Frau gepriesen, aber in den seltensten
Fällen gibt es Erfüllung. Zumeist steht die Angebetete dem Werbenden
zwiespältig gegenüber.
Walther von der Vogelweide: Nemt, frouwe, disen kranz
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„Nemt,
frouwe, disen kranz“, "Nehmt, edle Dame, diesen Kranz!" alsô
sprach ich zeiner wol getânen maget. sagte ich zu einem schönen Mädchen. „sô
zieret ir den tanz, "Dann seid Ihr die Schönste beim Tanz mit den
schœnen bluomen, als irs ûfe traget. mit den schönen Blumen in Eurem Haar. het ich
vil edele gesteine, Hätte ich edle Steine, daz
müest ûf iuwer houbet, ich wollte Euer Haupt damit schmücken, ob ir
mirs geloubet. ganz gewiss. sêt mîne
triuwe, daz ichz meine.“ Seht doch, wie ehrlich ich’s meine." „Ir sît
sô wol getân, "Ihr seid so schön, daz ich
iu mîn schapel gerne geben wil, ich gebe Euch gerne meinen Kranz, so ichz
aller beste hân. den schönsten, den ich habe. wîzer unde
rôter bluomen weiz ich vil, Ich weiß, wo viele weiße und rote Blumen stehen, die
stênt sô verre in jener heide. weit fort auf jener Heide. dâ si
schône entspringent Sie blühen dort so schön, und die
vogele singent, und die Vögel singen, dâ suln
wir si brechen beide.“ da wollen wir beide sie pflücken." Si nam
daz ich ir bôt, Sie nahm, was ich ihr gab; einem
kinde vil gelîch, daz êre hât. so nimmt ein schlichtes, edles Mädchen ein edles Geschenk. ir
wangen wurden rôt, Ihre Wangen erröteten, sam diu
rôse, dâ si bî liljen stât. da stand bei der Lilie die Rose. |
des
erschampten sich ir liehten ougen: Sie senkte scheu ihre klaren Augen; dô neic
si mir schône. doch anmutig neigte sie sich daz wart
mir ze lône: mir zum Dank. wirt
mirs iht mêr, daz trage ich tougen. Schenkt sie mir mehr, das will ich still im Herzen tragen. Mich
dûhte daz mir nie Mir war, als sei ich noch nie lieber
wurde, danne mir ze muote was. so glücklich gewesen. die
bluomen vielen ie Um uns fielen immer und immer Blüten von dem
boume bî uns nider an daz gras. vom Baum ins Gras. seht, dô
muost ich von fröiden lachen. Da musste ich lachen vor Glück. do ich
sô wünneclîche Als ich so ganz vor Freude selig war was in
troume rîche, in dem Traum, dô taget
ez und muos ich wachen. da kam der Tag, und ich erwachte. Mir ist
von ir geschehen, Ihretwegen muss ich daz ich
disen sumer allen meiden muoz diesen Sommer allen Mädchen nun vast
under diu ougen sehen: tief in die Augen sehen; lîhte
wirt mir einiu, so ist mir sorgen buoz. vielleicht finde ich die Rechte, dann bin ich meinen
Kummer los. waz obe
si gêt an disem tanze? Ob sie gar mittanzt bei diesem Tanze? „frouwe,
dur iur güete „Ihr Damen, seid so lieb, rucket
ûf die hüete.“ rückt Eure Hüte ein wenig aus der Stirn.“ owê,
gesæhe ichs under kranze! Ach, fände ich sie doch unter dem Kranz! (Die Reihenfolge der Strophen folgt Bibliotheca
Augustana) |
Viele
seiner Zeitgenossen haben Walthers Lieder auf die maget-frouwe (Mädchen, das nicht den Spielregeln des höfischen
Gesellschaftslebens unterworfen ist) als Verrat am hohen Minnesang getadelt. Scharf
entgegnet Walther, die Kritiker wüssten nicht, was Liebe ist: „sie getraf diu liebe nie“.
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Versuchen Sie, das Gedicht laut zu lesen, sodass sein tänzerischer
Rhythmus hörbar wird. Eventuell könnten Sie auch versuchen, das
Gedicht zu einer Gitarrenbegleitung zu sprechen.
a
Welchen Lohn bekommt der Dichter? Welchen erhofft er
sich? (beachten Sie dazu die Andeutungen in Strophe 2)
a
Wie wird das Mädchen in Walthers Lied beschrieben, wie wird es charakterisiert?
a
Warum spricht das lyrische Ich das Mädchen trotz ihres
nichthöfischen Standes mit „frouwe“ und „ir“ an?
a
Können Sie ironische Untertöne orten?
a
Geben Sie Stellen an, die den Unterschied zum Hohen Minnesang
deutlich machen!
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© 2003, erstellt von Stephan Waba
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