ODL Deutsch

Modul Sturm und Drang

 

 

 

 

Inhalt

 

Literatur der Gefühle

      Erlebnislyrik

      Der Briefroman: Die Leiden des jungen Werthers

 

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Literatur der Gefühle

 

Was gibt ein Schiff, daß zwischen Himmel und Meer schwebt, nicht für weite Sphäre zu denken! Alles gibt hier dem Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis! Das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke, der weite unendliche Luftkreis! Auf der Erde ist man an einen todten Punkt angeheftet; und in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen. Oft ist jener der Studierstul in einer dumpfen Kammer, der Sitz an einem einförmigen, gemietheten Tische, eine Kanzel, ein Katheder – oft ist diese, eine kleine Stadt, ein Abgott von Publikum aus Dreien, auf die man horchet, und ein Einerlei von Beschäftigung, in welche uns Gewohnheit und Anmaßung stossen. Wie klein und eingeschränkt wird da Leben, Ehre, Achtung, Wunsch, Furcht, Haß, Abneigung, Liebe, Freundschaft, Lust zu lernen, Beschäftigung, Neigung – wie enge und eingeschränkt endlich der ganze Geist. Nun trete man mit Einmal heraus, oder vielmehr ohne Bücher, Schriften, Beschäftigung und Homogene Gesellschaft werde man herausgeworfen – welch eine andre Aussicht! [...]

Und so ward ich Philosoph auf dem Schiffe – Philosoph aber, der es noch schlecht gelernt hatte, ohne Bücher und Instrumente aus der Natur zu philosophiren. Hätte ich dies gekonnt, welcher Standpunkt, unter einem Maste auf dem weiten Ocean sitzend, über Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Luft, Wind, Meer, Regen, Strom, Fisch, Seegrund philosophiren, und die Physik alles dessen, aus sich herausfinden zu können. Philosoph der Natur, das sollte dein Standpunkt seyn, mit dem Jünglinge, den du unterrichtest! Stelle dich mit ihm aufs weite Meer, und zeige ihm Fakta und Realitäten, und erkläre sie ihm nicht mit Worten, sondern laß ihn sich alles selbst erklären.

(Johann Gottfried Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769)

 

Diese Textstelle stammt aus dem Journal meiner Reise im Jahr 1769, das Johann Gottfried Herder als Ergebnis einer Seereise von Riga nach Nantes verfasste. Dieses Werk, das am Beginn des Sturm und Drang steht, lässt Herders bewusste Abkehr von den traditionellen Ansichten über Literatur, Kultur und Gesellschaft erkennen.

 

a        Welche Rolle spielt in Herders Journal die Natur?

a        Wie wird der Begriff der „Freiheit“ hier ausgedrückt?

a        Kommt ihnen an der Sprache des Textes etwas für diese Zeit neu vor?

 

Der so genannte „Sturm und Drang“ war eine kurze literarische Jugendbewegung in den beiden Jahrzehnten vor der französischen Revolution. Die Dichter des Sturm und Drang führten in manchem die Ideen der Aufklärung fort, gerieten jedoch in ganz entscheidenden Fragen in Widerspruch zur Vätergeneration. In den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts blies die Jugend zum Angriff auf die Heiligtümer der Aufklärung und stürzte deren Götterbilder der Vernunft und Zweckmäßigkeit. Dafür wurden den neuen Idealen Altäre errichtet: Freiheit, Genie, Natur, Gefühl.

 

Die Schriftsteller des Sturm und Drang, die ihre Werke zeitgleich mir dem Höhepunkt der Aufklärung schrieben, waren fast alle zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt. Sie schlossen sich zu Gruppen zusammen, was im Gegensatz zur Aufklärung steht. Zu nennen wären der Kreis um Herder und Goethe in Straßburg und Frankfurt, eine weitere Gruppe in Göttingen („Göttinger Hainbund“), sowie ein schwäbischer Kreis um Friedrich Schiller.

Die meisten Dichter standen durch Briefwechsel und private Kontakte in Verbindung, veranstalteten in kleinen Kreisen private Lesungen und trugen öffentlich Debatten über Literatur und Gesellschaft aus.

 

Die neue literarische Bewegung forderte die Freiheit von Sitten- und Kunstgesetzen und verlangte stattdessen Natürlichkeit, Lebensechtheit, Wahrheit und Originalität. Alles, was in Regeln gefasst und in Formen gebändigt war, wirkte verächtlich, denn die starke, echte Gemütsbewegung ist regellos. Die Ausbrüche des wahren Genies lassen sich in keine einengende Form zwängen. Vom Engländer Edward Young stammt das Bild vom schöpferischen Originalgenie, das ohne übernommene Vorbilder oder Regeln aus seiner ursprünglichen Kraft produziert:

 

Aus: J. C. Lavater: Physiognomische Fragmente

 

Was ist Genie? Wer's nicht ist, kann nicht; und wer's ist, wird nicht antworten. – Vielleicht kann's und darf's einigermaßen, wer dann und wann gleichsam in der Mitte schwebt, und dem's wenigstens bisweilen gegeben ist, in die Höhe über sich, und in die Tiefe unter sich – hinzublicken.
Was ist Genie? Was ist's nicht? Ist's bloß Gabe ausnehmender Deutlichkeit in seinen Vorstellungen und Begriffen? Ist's bloß anschauende Erkenntnis? Ist's bloß richtig sehen und urteilen? viel wirken? ordnen? geben? verbreiten? Ist's bloß – ungewöhnliche Leichtigkeit zu lernen? zu sehen? zu vergleichen? Ist's bloß Talent? – Genie ist Genius.

Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt – als wenn's ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktiert oder angegeben hätte, der hat Genie; als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre – ist Genie. […] Wo Wirkung, Kraft, Tat, Gedanke, Empfindung ist, die von Menschen nicht gelernt und nicht gelehrt werden kann – da ist Genie. Genie – das allererkennbarste und unbeschreiblichste Ding! fühlbar, wo es ist, und unaussprechlich wie die Liebe. […] Oder – nenn es, beschreib es, wie du willst – Nenn's Fruchtbarkeit des Geistes! Unerschöpflichkeit! Quellgeist! Nenn's Kraft ohne ihresgleichen – Urkraft, kraftvolle Liebe; nenn's Elastizität der Seele, oder der Sinne und des Nervensystems – die leicht Eindrücke annimmt, und mit einem schnell ingerierten Zusatze lebendiger Individualität zurückschnellt – Nenn's unentlehnte, natürliche, innerliche Energie der Seele; nenn's Schöpfungskraft; nenn's Menge in- und extensiver Seelenkräfte – Sammlung, Konzentrierung aller Naturkräfte; nenn's lebendige Darstellungskunst; nenn's Meisterschaft über sich selbst; nenn's Herrschaft über die Gemüter; nenn's Wirksamkeit, die immer trifft, nie fehlt in alle ihrem Wirken, Leiden, Lassen, Schweigen, Sprechen; nenn's Innigkeit, Herzlichkeit, mit Kraft sie fühlbar zu machen. Nenn's Zentralgeist, Zentralfeuer, dem nichts widersteht; nenn's lebendigen und lebendig machenden Geist, der sein Leben führt, und leicht und vollkräftig mitteilt; sich in alles hineinwirft mit Lebensfülle, mit Blitzeskraft – Nenn's Übermacht über all nenn's Ahndung des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Zukünftigen im Gegenwärtigen. Nenn's tiefes erregtes Bedürfnis mit Ahndung innerer Kraft, die das Bedürfnis stillt und sättigt – Nenn's ungewöhnliche Wirksamkeit durch ungewöhnliches Bedürfnis erregt und unterhalten! Nenn's ungewöhnliche Schnelligkeit des Geistes, entfernte Verhältnisse mit glücklicher Überspringung der Mittelverhältnisse zusammenzufassen oder Ähnlichkeiten, die sich nicht herausforschen lassen, im eilenden Vorbeiflug zu ergreifen – Nenn's „Vernunft im schnellsten Flammenstrome der Empfindungen und Tätigkeit". – Nenn's Glaube, Liebe, Hoffnung, die sich nicht geben, nicht nachäffen läßt; oder nenn's schlechtweg nur Erfindungsgabe – oder Instinkt: Nenn's und beschreib's, wie du willst und kannst – allemal bleibt das gewiß – das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, innig Eigentümliche, Unnachahmliche, Göttliche – ist Genie – das Inspirationsmäßige ist Genie – hieß bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie – und wird's heißen, solange Menschen denken und empfinden und reden.

 

a        Versuchen Sie zusammenzufassen, was Lavater unter dem Begriff „Genie“ versteht.

a        Untersuchen Sie die rhetorischen Figuren! Wie beurteilen Sie diese in Bezug auf den Inhalt des Textes? Welche rhetorische Figur dominiert?

 

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Erlebnislyrik

 

      Johann Wolfgang von Goethe: Mailied (1771)

 

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb', o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

 

a        Zeigen Sie im Detail, wie hier Natur, Liebe und Mensch (das Mädchen) sprachlich ineinander geblendet werden.

a        Inwiefern erhält die Natur menschliche Züge? Beachten Sie auch die Funktion der Vergleiche!

 

Mit dem Sturm und Drang beginnt die Epoche der Erlebnislyrik. Diese gestaltet vor allem persönliche, subjektive Erlebnisse eines Autors und steht damit im Gegensatz zur Gesellschafts- und Rollendichtung der Renaissance und des Barock. Lyrik ist damit Ausdruck des unverwechselbaren Ichs und auch ein Zeichen für die Emanzipation des individuellen Gefühls.

 

In diesem Sinne schrieb der junge Goethe seine Sesenheimer Lieder (1770/71). Sesenheim ist ein kleiner Ort in der Nähe von Straßburg, wo Goethe die Pfarrerstochter Friederike Brion kennen und lieben lernt. Aus ihnen stammen sowohl das eingangs erwähnte Mailied, als auch das folgende Gedicht:

 

      Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied (1771)

 

Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde,
Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht!
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stund im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

 

Der Mond von seinem Wolkenhügel,
Schien kläglich aus dem Duft hervor;
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer -
Doch tausendfacher war mein Mut;
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbes Frühlings Wetter
lag auf dem lieblichen Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter!
Und hofft' es, ich verdient' es nicht.

 

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen, welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund, und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit nassem Blick;
Und doch welch Glück geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück.

 

a        Verfolgen Sie geistig den Weg des Liebenden durch die Natur.

a        Wie wirkt die Natur auf das lyrische Ich? Welche Gefühle werden durch sie widergespiegelt?

a        Warum werden die Ankunft selbst und die Zeit zwischen Ankunft und Abschied in der Darstellung ausgespart?

a        Welche Stimmung verbreitet sich in der dritten Strophe? (Beachten Sie die leitmotivischen Nomen!)

a        Warum trägt das Mädchen („du“) keine individuellen Züge?

a        Wie nahe liegen Ihrer Meinung nach in der Liebe „Wonne“ und „Schmerz“ (vierte Strophe) zusammen?

 

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Der Briefroman: Die Leiden des jungen Werthers

 

Zwar war das Drama im Sturm und Drang die bevorzugte Form, jedoch brachte ein Roman der jungen literarischen Bewegung den Durchbruch. Im Jahre 1774 erschienen Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe. Der Fünfundzwanzigjährige hatte diesen ersten Roman in vier Wochen niedergeschrieben. Das Werk hatte einen solch durchschlagenden Erfolg, dass es in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Goethe wurde in ganz Europa bekannt und berühmt. Die junge Generation reagierte begeistert und machte Werther zum Idol. Die orthodoxe Kirche wollte das Werk als unsittlich, jugendgefährdend und unmoralisch verbieten lassen.

 

Die Handlung wird in Form von Briefen Werthers an seinen Freund Wilhelm vermittelt. Da es keine Antwortbriefe gibt, erhalten Werthers Briefe den Charakter von Tagebuchaufzeichnungen. Die Briefform ermöglicht eine subjektbezogene Perspektive: Der Inhalt besteht vor allem aus Selbstbeobachtung und Analyse der Gefühle. Werther will sich äußern und mitteilen, sich aber nicht mit anderen Menschen auseinander setzen. Seine übergroße Empfindsamkeit machen ihn innerlich reich, aber auch sehr verletzbar. Widerstandslos ist er seinen wechselnden Stimmungen ausgeliefert.

 

Der junge, hoffnungsvolle Werther weilt in einer Kleinstadt, wo ihm eine Karriere im diplomatischen Dienst bevorsteht. Er will ein Mädchen aus vergangenen Tagen vergessen und gibt sich zunächst mit ganzer Seele der Schönheit der Natur hin, indem er einsame Wanderungen durch die Wiesen und Wälder der Umgebung unternimmt:

 

Am 10. Mai

 

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten - dann sehne ich mich oft und denke : ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! - mein Freund - aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

 

a        Erarbeiten Sie Stimmung und Rhythmus dieses Textausschnitts durch halblautes Lesen!

a        In welcher Beziehung stehen Seele und Landschaft (aufnehmendes Subjekt und aufgenommene Welt)?

a        Welche Schwierigkeiten wird ein derart empfindsamer Mensch wohl im Alltags- und Berufsleben haben?

a        Werther bezeichnet sich selbst als „Künstler“. Ist er einer?

 

Auf einem Ball im Juni lernt er Lotte, die Tochter eines Amtmanns kennen und verliebt sich in sie. Lotte will und darf sich ihm allerdings nicht hingeben, weil sie dem fleißigen, ordentlichen und biederen Hofbeamten Albert versprochen ist. Lotte und Werther verleben eine kurze Zeit „himmlischer Freundschaft“, die durch eine Rückkehr Alberts von einer Geschäftsreise beendet wird:

 

Am 16. Julius

 

Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehens den ihrigen berührt, wenn unsere Füße sich unter dem Tische begegnen! Ich ziehe zurück wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts - mir wird's so schwindelig vor allen Sinnen. - O! Und ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fühlt nicht, wie sehr mich die kleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im Gespräch ihre Hand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung näher zu mir rückt, daß der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen kann: - ich glaube zu versinken, wie vom Wetter gerührt. - und, Wilhelm! Wenn ich mich jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen -! Du verstehst mich. Nein, mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach! Schwach genug! - und ist das nicht Verderben?

- sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiß nie, wie mir ist, wenn ich bei ihr bin; es ist, als wenn die Seele sich mir in allen Nerven umkehrte. - sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klaviere spielet mit der Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich stellt es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie nur die erste Note davon greift.

Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich. Wie mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen weiß, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schießen möchte! Die Irrung und Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier.

 

Werther leidet sehr unter dieser unerfüllten Liebe, versucht aber, die Seelenverbundenheit mit Lotte weiterzuleben. Es wird ihm bewusst, dass er Lotte nie ganz für sich gewinnen wird können:

 

Am 30. August

 

Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nicht selbst? Was soll diese tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe kein Gebet mehr als an sie; meiner Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche glückliche Stunde - bis ich mich wieder von ihr losreißen muß! Ach Wilhelm! Wozu mich mein Herz oft drängt! - wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei Stunden, und mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmlischen Ausdruck ihrer Worte geweidet habe, und nun nach und nach alle meine Sinne aufgespannt werden, mir es düster vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die Gurgel faßt wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen den bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt - Wilhelm, ich weiß oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und - wenn nicht manchmal die Wehmut das Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen, - so muß ich fort, muß hinaus, und schweife dann weit im Felde umher; einen jähen Berg zu klettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreißen! Da wird mir's etwas besser! Etwas! Und wenn ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht, im einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein hinschlummre! O Wilhelm! Die einsame Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der Stachelgürtel wären Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu! Ich sehe dieses Elendes kein Ende als das Grab.

 

a        Um welche Themen kreist Werthers Denken in diesen beiden Ausschnitten?

a        Zwischen welchen extremen Gefühlen schwankt er?

a        Sollte man sich Ihrer Meinung nach extremen Stimmungen frei hingeben oder ist es besser, besonnen zu bleiben und starke Gefühle nach Möglichkeit der Kontrolle der Vernunft zu unterwerfen?

 

Das Dreiecksverhältnis wird dermaßen gespannt, dass Werther auf Drängen seines Freundes Wilhelm die Geliebte verlässt, um als Attaché in den Dienst einer Gesandtschaft zu treten. Damit endet der erste Teil, es ist Mitte September.

 

Werthers Vorgesetzter in der Gesandtschaft ödet Werther an, die Zeremonielle bei Hofe und die Bürokratie bedrücken ihn. In einer adeligen Gesellschaft weist man ihm als Bürgerlichem die Tür. Werther, der sich auf Grund seiner Bildung und Empfindungsfähigkeit dem Adel für ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen, hält, empfindet das als demütigende Zurückweisung. Die Frustration richtet Werther aber nicht als Aggression gegen die feudale Gesellschaft, sondern gegen sich selbst.

Werther kehrt zu Lotte und Albert zurück, die inzwischen geheiratet haben. In dieser Situation – Werthers Liebe wird immer aussichtsloser – findet er nicht die Kraft, sich von Lotte zu trennen. So vergehen November und Dezember. Je öder, wilder, dunkler und einsamer die Natur wird, desto einsamer und verzweifelter wird es in seinem Inneren:

 

Am 12. Dezember

 

Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier - es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.

Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O! - Und den Fuß vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! - Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wie gern hätte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde sie Wolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! Und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?

- Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lotten unter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange, - das war auch überschwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte! Wilhelm! Und ihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! Wie verstört jetzt vom reißenden Strome unsere Laube! Dacht' ich. Und der Vergangenheit Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern. Ich stand! - ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben. - ich hätte - nun sitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihr Brot an den Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein noch einen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern".

 

a        Dieser Brief ist das Gegenstück zu dem Brief des 10. Mai. In beiden spiegelt die Natur Werthers unmittelbare Stimmungen wider. Versuchen Sie eine vergleichende Analyse!

a        Zeigen Sie im Detail, wie die Landschaft beschrieben wird.

a        Was bedeutet der „Abgrund“ für Werther (12. Dezember)?

a        Wo im Brief vom 10. Mai wird die Katastrophe schon angedeutet?

 

Werther ist entschlossen, Selbstmord zu begehen. Doch noch einmal will er Lotte sehen. Er missdeutet eine wehmütig-liebevolle Geste von Lotte und küsst sie leidenschaftlich. Sie stößt ihn zurück und eilt davon. Werther erschießt sich noch in der selben Nacht. Wilhelm berichtet davon am Ende des Romans:

 

Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuß fallen; da aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.

Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er findet seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er faßt ihn an; keine Antwort, er röchelt nur noch. Er läuft nach den Ärzten, nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmöchtig vor Alberten nieder.

Als der Midikus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt. Über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben. Man ließ ihm zum Überfluß eine Ader am Arme, das Blut lief, er holte noch immer Atem.

Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist er heruntergesunken, hat sich konvulsivisch um den Stuhl herumgewälzt. Er lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war in völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.

Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein. Werthern hatte man auf das Bett gelegt, die Stirn verbunden, sein Gesicht schon wie eines Toten, er rührte kein Glied. Die Lunge röchelte noch fürchterlich, bald schwach, bald stärker; man erwartete sein Ende.

Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. „Emilia Galotti" lag auf dem Pulte aufgeschlagen.

Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer laßt mich nichts sagen.

Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er küßte den Sterbenden unter den heißesten Tränen. Seine ältesten Söhne kamen bald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdrucke des unbändigsten Schmerzens, küßten ihm die Hände und den Mund, und der älteste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß. Um zwölfe mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt hatte. Der Alte folgte der Leiche und die Söhne, Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.

 

a        Goethe wählte für seinen Roman die Briefform. Welche Überlegungen werden ihn dazu bewogen haben, diese Darstellungsform zu wählen?

a        Welche Folgen für die Perspektive ergeben sich daraus, dass es keine Antwortbriefe gibt? Wie erlebt der/die LeserIn das Geschehen?

a        Inwiefern ist die Briefform besonders gut dazu geeignet, die innere Entwicklung Werthers darzustellen?

 

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© 2003, erstellt von Stephan Waba

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