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Was gibt ein Schiff, daß zwischen Himmel und
Meer schwebt, nicht für weite Sphäre zu denken! Alles gibt hier dem Gedanken
Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis! Das flatternde Segel, das immer
wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke, der weite
unendliche Luftkreis! Auf der Erde ist man an einen todten Punkt angeheftet; und
in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen. Oft ist jener der
Studierstul in einer dumpfen Kammer, der Sitz an einem einförmigen, gemietheten
Tische, eine Kanzel, ein Katheder – oft ist diese, eine kleine Stadt, ein
Abgott von Publikum aus Dreien, auf die man horchet, und ein Einerlei von
Beschäftigung, in welche uns Gewohnheit und Anmaßung stossen. Wie klein und
eingeschränkt wird da Leben, Ehre, Achtung, Wunsch, Furcht, Haß, Abneigung,
Liebe, Freundschaft, Lust zu lernen, Beschäftigung, Neigung – wie enge und
eingeschränkt endlich der ganze Geist. Nun trete man mit Einmal heraus, oder
vielmehr ohne Bücher, Schriften, Beschäftigung und Homogene Gesellschaft werde
man herausgeworfen – welch eine andre Aussicht! [...]
Und so ward ich Philosoph auf dem Schiffe –
Philosoph aber, der es noch schlecht gelernt hatte, ohne Bücher und Instrumente
aus der Natur zu philosophiren. Hätte ich dies gekonnt, welcher Standpunkt,
unter einem Maste auf dem weiten Ocean sitzend, über Himmel, Sonne, Sterne,
Mond, Luft, Wind, Meer, Regen, Strom, Fisch, Seegrund philosophiren, und die
Physik alles dessen, aus sich herausfinden zu können. Philosoph der Natur, das
sollte dein Standpunkt seyn, mit dem Jünglinge, den du unterrichtest! Stelle
dich mit ihm aufs weite Meer, und zeige ihm Fakta und Realitäten, und erkläre
sie ihm nicht mit Worten, sondern laß ihn sich alles selbst erklären.
(Johann Gottfried Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769)
Diese Textstelle stammt aus dem Journal meiner Reise im Jahr 1769, das Johann Gottfried Herder als Ergebnis einer Seereise von Riga nach Nantes verfasste. Dieses Werk, das am Beginn des Sturm und Drang steht, lässt Herders bewusste Abkehr von den traditionellen Ansichten über Literatur, Kultur und Gesellschaft erkennen.
a Welche Rolle spielt in Herders Journal die Natur?
a Wie wird der Begriff der „Freiheit“ hier ausgedrückt?
a Kommt ihnen an der Sprache des Textes etwas für diese Zeit neu vor?
Der so genannte „Sturm und Drang“ war eine kurze literarische Jugendbewegung in den beiden Jahrzehnten vor der französischen Revolution. Die Dichter des Sturm und Drang führten in manchem die Ideen der Aufklärung fort, gerieten jedoch in ganz entscheidenden Fragen in Widerspruch zur Vätergeneration. In den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts blies die Jugend zum Angriff auf die Heiligtümer der Aufklärung und stürzte deren Götterbilder der Vernunft und Zweckmäßigkeit. Dafür wurden den neuen Idealen Altäre errichtet: Freiheit, Genie, Natur, Gefühl.
Die Schriftsteller des Sturm und Drang, die ihre Werke zeitgleich mir dem Höhepunkt der Aufklärung schrieben, waren fast alle zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt. Sie schlossen sich zu Gruppen zusammen, was im Gegensatz zur Aufklärung steht. Zu nennen wären der Kreis um Herder und Goethe in Straßburg und Frankfurt, eine weitere Gruppe in Göttingen („Göttinger Hainbund“), sowie ein schwäbischer Kreis um Friedrich Schiller.
Die meisten Dichter standen durch Briefwechsel und private Kontakte in Verbindung, veranstalteten in kleinen Kreisen private Lesungen und trugen öffentlich Debatten über Literatur und Gesellschaft aus.
Die neue literarische Bewegung forderte die Freiheit von Sitten- und Kunstgesetzen und verlangte stattdessen Natürlichkeit, Lebensechtheit, Wahrheit und Originalität. Alles, was in Regeln gefasst und in Formen gebändigt war, wirkte verächtlich, denn die starke, echte Gemütsbewegung ist regellos. Die Ausbrüche des wahren Genies lassen sich in keine einengende Form zwängen. Vom Engländer Edward Young stammt das Bild vom schöpferischen Originalgenie, das ohne übernommene Vorbilder oder Regeln aus seiner ursprünglichen Kraft produziert:
Was ist Genie? Wer's nicht ist, kann nicht; und
wer's ist, wird nicht antworten. – Vielleicht kann's und darf's einigermaßen,
wer dann und wann gleichsam in der Mitte schwebt, und dem's wenigstens
bisweilen gegeben ist, in die Höhe über sich, und in die Tiefe unter sich –
hinzublicken.
Was ist Genie? Was ist's nicht? Ist's bloß Gabe ausnehmender Deutlichkeit in
seinen Vorstellungen und Begriffen? Ist's bloß anschauende Erkenntnis? Ist's
bloß richtig sehen und urteilen? viel wirken? ordnen? geben? verbreiten? Ist's
bloß – ungewöhnliche Leichtigkeit zu lernen? zu sehen? zu vergleichen? Ist's
bloß Talent? – Genie ist Genius.
Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet,
denkt, spricht, handelt, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert,
vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt – als wenn's ihm ein Genius, ein
unsichtbares Wesen höherer Art diktiert oder angegeben hätte, der hat Genie;
als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre – ist Genie. […] Wo Wirkung,
Kraft, Tat, Gedanke, Empfindung ist, die von Menschen nicht gelernt und nicht
gelehrt werden kann – da ist Genie. Genie – das allererkennbarste und unbeschreiblichste
Ding! fühlbar, wo es ist, und unaussprechlich wie die Liebe. […] Oder – nenn
es, beschreib es, wie du willst – Nenn's Fruchtbarkeit des Geistes!
Unerschöpflichkeit! Quellgeist! Nenn's Kraft ohne ihresgleichen – Urkraft,
kraftvolle Liebe; nenn's Elastizität der Seele, oder der Sinne und des
Nervensystems – die leicht Eindrücke annimmt, und mit einem schnell ingerierten
Zusatze lebendiger Individualität zurückschnellt – Nenn's unentlehnte,
natürliche, innerliche Energie der Seele; nenn's Schöpfungskraft; nenn's Menge
in- und extensiver Seelenkräfte – Sammlung, Konzentrierung aller Naturkräfte;
nenn's lebendige Darstellungskunst; nenn's Meisterschaft über sich selbst;
nenn's Herrschaft über die Gemüter; nenn's Wirksamkeit, die immer trifft, nie
fehlt in alle ihrem Wirken, Leiden, Lassen, Schweigen, Sprechen; nenn's
Innigkeit, Herzlichkeit, mit Kraft sie fühlbar zu machen. Nenn's Zentralgeist,
Zentralfeuer, dem nichts widersteht; nenn's lebendigen und lebendig machenden
Geist, der sein Leben führt, und leicht und vollkräftig mitteilt; sich in alles
hineinwirft mit Lebensfülle, mit Blitzeskraft – Nenn's Übermacht über all
nenn's Ahndung des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Zukünftigen im
Gegenwärtigen. Nenn's tiefes erregtes Bedürfnis mit Ahndung innerer Kraft, die
das Bedürfnis stillt und sättigt – Nenn's ungewöhnliche Wirksamkeit durch
ungewöhnliches Bedürfnis erregt und unterhalten! Nenn's ungewöhnliche
Schnelligkeit des Geistes, entfernte Verhältnisse mit glücklicher Überspringung
der Mittelverhältnisse zusammenzufassen oder Ähnlichkeiten, die sich nicht
herausforschen lassen, im eilenden Vorbeiflug zu ergreifen – Nenn's „Vernunft
im schnellsten Flammenstrome der Empfindungen und Tätigkeit". – Nenn's
Glaube, Liebe, Hoffnung, die sich nicht geben, nicht nachäffen läßt; oder
nenn's schlechtweg nur Erfindungsgabe – oder Instinkt: Nenn's und beschreib's,
wie du willst und kannst – allemal bleibt das gewiß – das Ungelernte,
Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, innig Eigentümliche, Unnachahmliche,
Göttliche – ist Genie – das Inspirationsmäßige ist Genie – hieß bei allen
Nationen, zu allen Zeiten Genie – und wird's heißen, solange Menschen denken
und empfinden und reden.
a Versuchen Sie zusammenzufassen, was Lavater unter dem Begriff „Genie“ versteht.
a Untersuchen Sie die rhetorischen Figuren! Wie beurteilen Sie diese in Bezug auf den Inhalt des Textes? Welche rhetorische Figur dominiert?
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Wie herrlich leuchtet Es dringen Blüten Und Freud' und Wonne O Lieb', o
Liebe! Du segnest herrlich |
O Mädchen, Mädchen, So liebt die Lerche Wie ich dich liebe Zu neuen Liedern |
a Zeigen Sie im Detail, wie hier Natur, Liebe und Mensch (das Mädchen) sprachlich ineinander geblendet werden.
a Inwiefern erhält die Natur menschliche Züge? Beachten Sie auch die Funktion der Vergleiche!
Mit dem Sturm und Drang beginnt die Epoche der Erlebnislyrik. Diese gestaltet vor allem persönliche, subjektive Erlebnisse eines Autors und steht damit im Gegensatz zur Gesellschafts- und Rollendichtung der Renaissance und des Barock. Lyrik ist damit Ausdruck des unverwechselbaren Ichs und auch ein Zeichen für die Emanzipation des individuellen Gefühls.
In diesem Sinne schrieb der junge Goethe seine Sesenheimer Lieder (1770/71). Sesenheim ist ein kleiner Ort in der Nähe von Straßburg, wo Goethe die Pfarrerstochter Friederike Brion kennen und lieben lernt. Aus ihnen stammen sowohl das eingangs erwähnte Mailied, als auch das folgende Gedicht:
Johann
Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied (1771)
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Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde, Der Mond von seinem Wolkenhügel, |
Ich sah dich, und die milde Freude Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe! |
a Verfolgen Sie geistig den Weg des Liebenden durch die Natur.
a Wie wirkt die Natur auf das lyrische Ich? Welche Gefühle werden durch sie widergespiegelt?
a Warum werden die Ankunft selbst und die Zeit zwischen Ankunft und Abschied in der Darstellung ausgespart?
a Welche Stimmung verbreitet sich in der dritten Strophe? (Beachten Sie die leitmotivischen Nomen!)
a Warum trägt das Mädchen („du“) keine individuellen Züge?
a Wie nahe liegen Ihrer Meinung nach in der Liebe „Wonne“ und „Schmerz“ (vierte Strophe) zusammen?
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Zwar war das Drama im Sturm und Drang die bevorzugte
Form, jedoch brachte
ein Roman der jungen literarischen Bewegung den Durchbruch. Im Jahre
1774 erschienen Die Leiden des jungen
Werthers von Johann Wolfgang von Goethe. Der Fünfundzwanzigjährige hatte
diesen ersten Roman in vier Wochen niedergeschrieben. Das Werk hatte einen
solch durchschlagenden
Erfolg, dass es in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Goethe wurde in
ganz Europa bekannt und berühmt. Die junge Generation reagierte begeistert und
machte Werther zum Idol. Die orthodoxe Kirche wollte das Werk als unsittlich,
jugendgefährdend und unmoralisch verbieten lassen.
Die Handlung wird in Form von Briefen Werthers an seinen Freund Wilhelm vermittelt. Da es keine Antwortbriefe gibt,
erhalten Werthers Briefe den Charakter von Tagebuchaufzeichnungen. Die
Briefform ermöglicht eine subjektbezogene Perspektive: Der Inhalt
besteht vor allem aus Selbstbeobachtung und Analyse der Gefühle. Werther will
sich äußern und mitteilen, sich aber nicht mit anderen Menschen auseinander
setzen. Seine übergroße Empfindsamkeit machen ihn innerlich reich, aber auch
sehr verletzbar. Widerstandslos ist er seinen wechselnden Stimmungen
ausgeliefert.
Der junge, hoffnungsvolle Werther weilt in einer
Kleinstadt, wo ihm eine Karriere im diplomatischen Dienst bevorsteht. Er will ein
Mädchen aus vergangenen Tagen vergessen und gibt sich zunächst mit ganzer Seele
der Schönheit der Natur hin, indem er einsame Wanderungen durch die Wiesen und
Wälder der Umgebung unternimmt:
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele
eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen
genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für
solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester,
so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine Kunst darunter
leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein
größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich
dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis
meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum
stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der
Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln
der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der
Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart
des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden,
der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's dann um
meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner
Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten - dann sehne ich mich oft und denke
: ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das
einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner
Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! - mein Freund -
aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit
dieser Erscheinungen.
a Erarbeiten Sie Stimmung und Rhythmus dieses Textausschnitts durch halblautes Lesen!
a In welcher Beziehung stehen Seele und Landschaft (aufnehmendes Subjekt und aufgenommene Welt)?
a Welche Schwierigkeiten wird ein derart empfindsamer Mensch wohl im Alltags- und Berufsleben haben?
a Werther bezeichnet sich selbst als „Künstler“. Ist er einer?
Auf einem Ball im Juni lernt er Lotte, die Tochter eines Amtmanns kennen und verliebt sich in sie. Lotte will und darf sich ihm allerdings nicht hingeben, weil sie dem fleißigen, ordentlichen und biederen Hofbeamten Albert versprochen ist. Lotte und Werther verleben eine kurze Zeit „himmlischer Freundschaft“, die durch eine Rückkehr Alberts von einer Geschäftsreise beendet wird:
Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn
mein Finger unversehens den ihrigen berührt, wenn unsere Füße sich unter dem
Tische begegnen! Ich ziehe zurück wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht
mich wieder vorwärts - mir wird's so schwindelig vor allen Sinnen. - O! Und
ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fühlt nicht, wie sehr mich die kleinen
Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im Gespräch ihre Hand auf die meinige
legt und im Interesse der Unterredung näher zu mir rückt, daß der himmlische
Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen kann: - ich glaube zu versinken, wie
vom Wetter gerührt. - und, Wilhelm! Wenn ich mich jemals unterstehe, diesen
Himmel, dieses Vertrauen -! Du verstehst mich. Nein, mein Herz ist so verderbt
nicht! Schwach! Schwach genug! - und ist das nicht Verderben?
- sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in
ihrer Gegenwart. Ich weiß nie, wie mir ist, wenn ich bei ihr bin; es ist, als
wenn die Seele sich mir in allen Nerven umkehrte. - sie hat eine Melodie, die
sie auf dem Klaviere spielet mit der Kraft eines Engels, so simpel und so
geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich stellt es von aller Pein, Verwirrung
und Grillen her, wenn sie nur die erste Note davon greift.
Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik
ist mir unwahrscheinlich. Wie mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie
ihn anzubringen weiß, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schießen
möchte! Die Irrung und Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme
wieder freier.
Werther
leidet sehr unter dieser unerfüllten Liebe, versucht aber, die
Seelenverbundenheit mit Lotte weiterzuleben. Es wird ihm bewusst, dass er Lotte
nie ganz für sich gewinnen wird können:
Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst
du dich nicht selbst? Was soll diese tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe
kein Gebet mehr als an sie; meiner Einbildungskraft erscheint keine andere
Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her sehe ich nur im
Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche glückliche Stunde - bis
ich mich wieder von ihr losreißen muß! Ach Wilhelm! Wozu mich mein Herz oft
drängt! - wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei Stunden, und mich an ihrer
Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmlischen Ausdruck ihrer Worte geweidet
habe, und nun nach und nach alle meine Sinne aufgespannt werden, mir es düster
vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die Gurgel faßt wie ein
Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen den bedrängten Sinnen Luft zu
machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt - Wilhelm, ich weiß oft nicht, ob
ich auf der Welt bin! Und - wenn nicht manchmal die Wehmut das Übergewicht
nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf ihrer Hand meine Beklemmung
auszuweinen, - so muß ich fort, muß hinaus, und schweife dann weit im Felde
umher; einen jähen Berg zu klettern ist dann meine Freude, durch einen
unwegsamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich
verletzen, durch die Dornen, die mich zerreißen! Da wird mir's etwas besser!
Etwas! Und wenn ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe,
manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht, im
einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze, um meinen
verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, und dann in einer
ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein hinschlummre! O Wilhelm! Die einsame
Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der Stachelgürtel wären Labsale,
nach denen meine Seele schmachtet. Adieu! Ich sehe dieses Elendes kein Ende als
das Grab.
a Um welche Themen kreist Werthers Denken in diesen beiden Ausschnitten?
a Zwischen welchen extremen Gefühlen schwankt er?
a Sollte man sich Ihrer Meinung nach extremen Stimmungen frei hingeben oder ist es besser, besonnen zu bleiben und starke Gefühle nach Möglichkeit der Kontrolle der Vernunft zu unterwerfen?
Das
Dreiecksverhältnis wird dermaßen gespannt, dass Werther auf Drängen seines
Freundes Wilhelm die Geliebte verlässt, um als Attaché in den Dienst einer
Gesandtschaft zu treten. Damit endet der erste Teil, es ist Mitte September.
Werthers
Vorgesetzter in der Gesandtschaft ödet Werther an, die Zeremonielle bei Hofe
und die Bürokratie bedrücken ihn. In einer adeligen Gesellschaft weist man ihm
als Bürgerlichem die Tür. Werther, der sich auf Grund seiner Bildung und
Empfindungsfähigkeit dem Adel für ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen, hält,
empfindet das als demütigende Zurückweisung. Die Frustration richtet Werther
aber nicht als Aggression gegen die feudale Gesellschaft, sondern gegen sich
selbst.
Werther
kehrt zu Lotte und Albert zurück, die inzwischen geheiratet haben. In dieser
Situation – Werthers Liebe wird immer aussichtsloser – findet er nicht die
Kraft, sich von Lotte zu trennen. So vergehen November und Dezember. Je öder,
wilder, dunkler und einsamer die Natur wird, desto einsamer und verzweifelter
wird es in seinem Inneren:
Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in
dem jene Unglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würden
von einem bösen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht
Angst, nicht Begier - es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu
zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! Und dann schweife ich
umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen
Jahrszeit.
Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich
Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche
geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach
eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die
wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und
Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im
Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der
schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem
Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein
Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab!
Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da
hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O! - Und den Fuß vom Boden zu
heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! - Meine Uhr ist noch nicht
ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wie gern hätte ich mein Menschsein drum
gegeben, mit jenem Sturmwinde sie Wolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen!
Ha! Und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?
- Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein
Plätzchen, wo ich mit Lotten unter einer Weide geruht, auf einem heißen
Spaziergange, - das war auch überschwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte!
Wilhelm! Und ihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! Wie verstört
jetzt vom reißenden Strome unsere Laube! Dacht' ich. Und der Vergangenheit
Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen
und Ehrenämtern. Ich stand! - ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu
sterben. - ich hätte - nun sitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von
Zäunen stoppelt und ihr Brot an den Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses
Dasein noch einen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern".
a Dieser Brief ist das Gegenstück zu dem Brief des 10. Mai. In beiden spiegelt die Natur Werthers unmittelbare Stimmungen wider. Versuchen Sie eine vergleichende Analyse!
a Zeigen Sie im Detail, wie die Landschaft beschrieben wird.
a Was bedeutet der „Abgrund“ für Werther (12. Dezember)?
a Wo im Brief vom 10. Mai wird die Katastrophe schon angedeutet?
Werther
ist entschlossen, Selbstmord zu begehen. Doch noch einmal will er Lotte sehen.
Er missdeutet eine wehmütig-liebevolle Geste von Lotte und küsst sie
leidenschaftlich. Sie stößt ihn zurück und eilt davon. Werther erschießt sich
noch in der selben Nacht. Wilhelm berichtet davon am Ende des Romans:
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte
den Schuß fallen; da aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.
Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit
dem Lichte. Er findet seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft,
er faßt ihn an; keine Antwort, er röchelt nur noch. Er läuft nach den Ärzten,
nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre
Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und
stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmöchtig vor Alberten nieder.
Als der Midikus zu dem Unglücklichen kam, fand
er ihn an der Erde ohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle
gelähmt. Über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das
Gehirn war herausgetrieben. Man ließ ihm zum Überfluß eine Ader am Arme, das
Blut lief, er holte noch immer Atem.
Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte
man schließen, er habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann
ist er heruntergesunken, hat sich konvulsivisch um den Stuhl herumgewälzt. Er
lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war in völliger Kleidung,
gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.
Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in
Aufruhr. Albert trat herein. Werthern hatte man auf das Bett gelegt, die Stirn
verbunden, sein Gesicht schon wie eines Toten, er rührte kein Glied. Die Lunge
röchelte noch fürchterlich, bald schwach, bald stärker; man erwartete sein
Ende.
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken.
„Emilia Galotti" lag auf dem Pulte aufgeschlagen.
Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer laßt
mich nichts sagen.
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht
hereingesprengt, er küßte den Sterbenden unter den heißesten Tränen. Seine
ältesten Söhne kamen bald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem Bette nieder
im Ausdrucke des unbändigsten Schmerzens, küßten ihm die Hände und den Mund,
und der älteste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er
verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß. Um zwölfe mittags starb
er. Die Gegenwart des Amtmannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf.
Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt
hatte. Der Alte folgte der Leiche und die Söhne, Albert vermocht's nicht. Man
fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn
begleitet.
a Goethe wählte für seinen Roman die Briefform. Welche Überlegungen werden ihn dazu bewogen haben, diese Darstellungsform zu wählen?
a Welche Folgen für die Perspektive ergeben sich daraus, dass es keine Antwortbriefe gibt? Wie erlebt der/die LeserIn das Geschehen?
a Inwiefern ist die Briefform besonders gut dazu geeignet, die innere Entwicklung Werthers darzustellen?
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© 2003, erstellt von Stephan Waba
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